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Tötungsdelikte in Kliniken und Heimen verhindern

fzm, Stuttgart, Oktober 2022 – Immer wieder werden Fälle gerichtskundig, in denen Pflegende bewusst den Tod ihrer Schutzbefohlenen herbeiführen. Gerade wenn ganze Tötungsserien in Heimen oder Kliniken verhandelt werden, ist die öffentliche Empörung groß. Systematische Untersuchungen, die dabei helfen könnten, solche Taten zu verhindern, gibt es bislang kaum. Professor Dr. med. Karl H. Beine hat jetzt zwölf Tötungsserien untersucht, die im deutschsprachigen Raum bis Februar 2022 abschließend verhandelt wurden. In seinem Beitrag in der „DMW Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2022) zeigt er auf, welche Gemeinsamkeiten es zwischen den Täterinnen und Tätern gibt, welche Faktoren die Tötungen begünstigen und was getan werden kann, um das Risiko zu reduzieren.

Kliniken und Heime sind Schutzräume, in denen hilfsbedürftige Menschen Unterstützung und Pflege erfahren. Gleichzeitig gehören das Sterben und der Tod hier zum Alltag, ohne dass dahinter Tötungsverbrechen vermutet werden. Medikamente, die als Tötungswerkzeuge eingesetzt werden können, stehen zur Verfügung. „Die Rahmenbedingungen machen es den Tätern relativ leicht, auch über längere Zeiträume hinweg unentdeckt zu bleiben“, sagt Professor Dr. med. Karl H. Beine. Er hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke inne und forscht seit vielen Jahren zu Patiententötungen. Nicht selten agierten Täterinnen und Täter quasi unter den Augen ihrer Kolleginnen und Kollegen sowie ihren Vorgesetzen. Dabei schöpften diese in vielen Fällen bereits früh Verdacht, äußerten ihn aber nicht. „Hier mangelt es oft am Aufklärungswillen, sei es aus Angst vor persönlichen Konsequenzen oder aus Sorge um den Ruf der Einrichtung“, berichtet Beine.

Warnzeichen: Spitznamen und erhöhter Medikamentenverbrauch

Zum Teil vergingen mehrere Jahre zwischen dem ersten Verdacht und der Verhaftung der Täter*innen. „In dieser Zeit geschahen viele weitere Tötungen, die bei schnellerer Aufklärung hätten verhindert werden können“, ist sich der Experte sicher. Oft hätten die Täter bereits früh einschlägige Spitznamen wie „Todesengel“, „Hexe“ oder „Vollstrecker“ bekommen, weil in ihrer Dienstzeit besonders viele, auch unerwartete Todesfälle, auftraten. Solche objektiv messbaren Auffälligkeiten im Behandlungsablauf, zu denen auch ein gesteigerter Medikamentenverbrauch zähle, müssten als Warnzeichen ernster genommen werden, so Beine.

Auffällige Persönlichkeitsveränderungen

Im Kollegenkreis fielen die Täter*innen oft auch durch Persönlichkeitsveränderungen auf. Sie zogen sich zurück, tendierten zu einer zynisch-abwertenden, verrohten Sprache und aggressiven Ausbrüchen. Auch dies wurde jedoch weder angesprochen noch als Risikosignal gewertet.

Aufmerksamkeit schärfen und offene Kommunikation fördern

Beines Analysen liefern somit auch Ansatzpunkte dafür, wie das Risiko für Serientötungen gesenkt werden kann. „Zum einen muss das Personal darüber aufgeklärt werden, dass Tötungen in jeder Klinik und in jedem Heim grundsätzlich möglich sind“, betont er. Im Idealfall solle das Thema bereits in der medizinischen und pflegerischen Ausbildung zur Sprache kommen, um die Aufmerksamkeit für mögliche Warnsignale zu schärfen. Und nicht zuletzt gelte es, eine von Vertrauen geprägte Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der Probleme und Verdachtsmomente offen angesprochen werden könnten.

Um die hohe Dunkelziffer bei Tötungsdelikten in diesem Bereich zu senken, mahnt er außerdem an, bei der oft nur lax gehandhabten Leichenschau sorgfältiger vorzugehen und häufiger als bisher toxikologische Untersuchungen zu veranlassen.

Die Arbeit von Professor Dr. med. Karl H. Beine ist Open Access veröffentlicht und auf Englisch und Deutsch abrufbar:

Karl H. Beine:
Serial murder in medical clinics and care homes
Serientötungen in Kliniken und Heimen
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2022; 147 (19); e91-e101
DOI: 10.1055/a-1899-7344

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