Mögliche Verzerrung der Diagnosezahlen durch Genderbias
Psychische Erkrankungen zeigen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede – sowohl in ihrer Häufigkeit als auch in ihrer Ausprägung. So erkranken Frauen über die Lebensspanne betrachtet ähnlich häufig wie Männer, sind jedoch öfter von Depressionen, Angst- und Essstörungen betroffen. Männer hingegen leiden öfter unter Abhängigkeitserkrankungen und sogenannten antisozialen Persönlichkeitsstörungen.
Depressionen sind bei Frauen oft von Symptomen wie Antriebslosigkeit, gedrückter Stimmung oder Selbstzweifeln geprägt. Sie neigen zu nach innen gerichteten Bewältigungsstrategien wie Grübeln oder Selbstvorwürfen. Bei Männern äußern sich psychische Belastungen häufiger durch Aggressivität oder Substanzkonsum. Diese sogenannten externalisierenden Symptome werden von gängigen Diagnoseinstrumenten oft weniger gut erfasst.
Gleichzeitig weisen Expert*innen darauf hin, dass Frauen häufiger psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und sich in Gesprächen offener zeigen. Bei gleicher Symptomschilderung erhalten sie eher eine psychische Diagnose als männliche Patienten. Durch diesen Genderbias können psychische Erkrankungen über- und unterdiagnostiziert werden.
Geschlechtersensible Psychotherapie bei Kaufsucht
Rund 5 Prozent der Bevölkerung leidet unter einer Kaufsucht. Dabei ist unklar, ob Frauen und Männer gleich häufig betroffen sind. Frauen sind jedoch öfter in Behandlung. Anschaffungen und die damit verbundenen Motive unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern deutlich: Frauen kaufen häufiger Dinge mit emotionalem oder symbolischem Wert wie Kleidung, Schmuck oder Kosmetik. Das Kaufen dient oft dazu, belastende Gefühle zu lindern oder Selbstzweifel auszugleichen. Männer erwerben häufiger Technik, Werkzeuge oder andere Gebrauchsgegenstände. Bei ihnen steht das Sammeln, die Funktionalität oder das Gefühl von Kontrolle im Vordergrund. Die unterschiedlichen Bedürfnisse, die hinter dem Kaufverhalten stehen, liefern Therapeut*innen wichtige Hinweise für eine passgenaue Therapie.
AD(H)S bei Frauen: erkennen und gezielt behandeln
Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)störung, kurz AD(H)S, wird noch immer stark mit männlichen Stereotypen verbunden. Bei Frauen zeigt sich die Störung aber auch, jedoch oft anders und bleibt deshalb lange unerkannt. Häufig stehen Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, emotionale Schwankungen und Überforderung im Alltag im Vordergrund, während ausgeprägte Hyperaktivität seltener ist. Weniger auffällige Symptome und frühe Kompensationsstrategien führen dazu, dass AD(H)S bei Frauen oft erst spät erkannt wird. Patientinnen mit AD(H)S erhalten zunächst oft andere Diagnosen, etwa Depressionen, Angststörungen oder Erschöpfung. Genderkompetenz in der Psychotherapie hilft dabei, Fehldiagnosen zu vermeiden und Patientinnen früher und besser zu unterstützen.
Ein Thema – viele Perspektiven
Neben den hier skizzierten Beiträgen zur Kaufsucht und AD(H)S beleuchtet die Ausgabe 4/2025 der PiD viele weitere psychotherapeutisch relevante Aspekte rund um das Frausein. Die Themen reichen von Sexualität und Mutterschaft über Gewalt bis hin zu feministischen Perspektiven in der Therapie.
PiD - Psychotherapie im Dialog 2025 (4)
Frauen
DOI 10.1055/s-00000117
