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Das Gesundheitsamt der Zukunft: Mehr Transparenz und Vertrauen durch digitalen Ethikcode

Arzt im Hintergrund hält eine transparente Grafik in der Hand auf der ÖGD Öffentlicher Gesundheitsdienst zu lesen ist. Darum sind verschiedene Icons platziert, die Forschung, Dokumentation, Arzneimittelversorgung, Medizin symbolisieren.

Stuttgart, Februar 2026 – Bei der digitalen Transformation hat der Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) in Deutschland noch viel Nachholbedarf. Gleichzeitig ist die Digitalisierung der Gesundheitsämter mehr als eine technische Modernisierung: Sie bietet die Chance, sie als politisch unabhängige Institutionen aufzustellen und ihre Arbeit transparenter zu machen. Damit könne verloren gegangenes Vertrauen der Bürger*innen zurückgewonnen und die Gesundheitsversorgung verbessert werden, erklären PD Dr. Nicolai Savaskan und Co-Autor*innen in der aktuellen Ausgabe der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2026). Damit das gelingt, ist ein digitaler Ethikstandard notwendig. Im Beitrag stellen sie mit OSCADO-AI einen solchen vor.

Polarisierung als Gesundheitsrisiko

Politische Überzeugungen und der wachsende Vertrauensverlust in staatliche Institutionen beeinflussen zunehmend auch das Gesundheitsverhalten und die Inanspruchnahme von medizinischen Angeboten. Die gesellschaftliche Polarisierung wird zur Gesundheitsdeterminante und verstärkt soziale Ungleichheiten. Der ÖGD könne hier eine Schlüsselrolle einnehmen, so die Autor*innen – vorausgesetzt, er agiert unabhängig, wissenschaftsgeleitet und digital handlungsfähig. „Analog zum Genfer Gelöbnis* ist ein Ethikcode für Digitalisierung nötig“, betonen sie.

OSCADO-AI: Ethikstandard für einen souveränen ÖGD

Mit OSCADO-AI stellen Nicolai Savaskan, Alexandra Roth und Mesut Yavuz einen Standard vor, der Gesundheitsämter dabei unterstützt, datenbasiert zu entscheiden und transparent zu handeln. Ein Beispiel liefert Frankfurt am Main, wo derzeit ein „Blueprint für digitale Resilienz im ÖGD“ entsteht – mit Open-Source-Lösungen, klaren Schnittstellen zur Bevölkerung und datenschutzkonformem Zugriff für Fachpersonal.

Die zentralen Bausteine des OSCADO-AI

  • Offene Daten und Algorithmen für Transparenz und Kontrolle:
    Damit Bearbeitungszeiten und Genehmigungsprozesse nachvollziehbar sind, sollten Verwaltungs- und Entscheidungsdaten öffentlich zugänglich sein. Wenn Bürger*innen zum Beispiel wissen, wie viel Personal wofür eingesetzt wird und auf Basis, welcher Kriterien Maßnahmen wie Impfkampagnen oder Präventionsprogramme priorisiert werden, sind Entscheidungen besser nachvollziehbar.
  • Sichere Kommunikation zum Schutz sensibler Gesundheitsdaten: 
    Spezielle Sicherheitsprotokolle und rollenbasierte Zugriffsmodelle schützen sensible Gesundheitsdaten vor unbefugtem Zugriff. Das bedeutet, ärztliches Fachpersonal kann medizinisch relevante Falldaten und anonymisierte Auswertungen einsehen, Verwaltungsangestellte hingegen nicht. Ihr Zugriff beschränkt sich auf Prozess- und Verwaltungsdaten.
  • Collaborative Plattformen für unabhängigen und geschützten Austausch von Daten zwischen Gesundheitsversorgung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft: 
    Sie ermöglichen datengetriebene Entscheidungen und Innovationen – unabhängig von politischem Druck oder institutionellen Hierarchien.
  • Anonymisierte Datenerhebungen: 
    Anonymisierte Daten erlauben aussagekräftige Analysen, ohne die Privatsphäre einzelner Personen zu gefährden. Sie bieten eine fundierte Grundlage für evidenzbasierte Forschung und Entscheidungen.
  • Dezentrale Datenspeicherung:
    Wenn Gesundheitsdaten nicht zentral, sondern verteilt gespeichert werden, sinkt das Risiko von Manipulation, Datenverlust oder Missbrauch durch einzelne Akteure.
  • Offene Bildungs- und Aufklärungskampagnen gegen Desinformation:
    Verständliche und transparente Gesundheitskommunikation stärkt Bürger*innen in ihrem Wissen über Risiken, Prävention und Versorgungsangebote. Gleichzeitig wird es schwieriger, Informationen politisch oder ideologisch zu verzerren.
  • AI-gestützte Frühwarnsysteme zur Erkennung von Ungleichheiten: 
    Künstliche Intelligenz kann objektiv Versorgungsbedarfe analysieren und Defizite im Gesundheitssystem aufzeigen wie zum Beispiel Verzögerungen bei Arztterminen oder beim Zugang zu Behandlungen für bestimmte Gruppen.

Weichenstellung für eine bessere und unabhängige Gesundheitsversorgung

Mit dem Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (Pakt für den ÖGD) wurde 2020 ein bundesweites Förder- und Reformprogramm von Bund und Ländern aufgelegt, das 2026 endet. Ob Gesundheitsämter dadurch künftig als digital vernetzte und moderne Public-Health-Zentren wirken können, entscheidet sich jetzt, so die Autor*innen: „Der Auftrag ist klar: Einer wachsenden Ungleichheit im Gesundheitswesen lässt sich nur begegnen, wenn ärztliche Unabhängigkeit, Bürgernähe und digitale Souveränität zur neuen Leitlinie des ÖGD werden.“ Die beschriebenen Standards bieten die Chance für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt – und für eine gerechtere Medizin.

* Das Genfer Gelöbnis stellt eine moderne ärztliche Selbstverpflichtung dar, medizinisches Handeln konsequent am Wohl der Patient*innen auszurichten, menschliche Würde zu achten und Entscheidungen unabhängig von politischen, ideologischen oder gesellschaftlichen Interessen zu treffen.

Quelle:
N. Savaskan et al.
Erfolgsbedingungen der Digitalisierung für Gesundheitsämter
OSCADO-AI Standards zum Schutz vor politischer Polarisierung

DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2026, 151 (4), S. 180-184
DOI: 10.1055/a-2725-3723