
Stuttgart/Berlin, Juni 2026 – Geschlecht beeinflusst Diagnosen, Therapien und Krankheitsverläufe stärker, als lange angenommen wurde. Aktuelle Veröffentlichungen in Thieme Fachzeitschriften zeigen, dass geschlechtersensible Medizin in Forschung und Versorgung noch nicht ausreichend verankert ist – mit Folgen für die Patientensicherheit und den Behandlungserfolg. Besonders deutlich werden die Defizite bei der Versorgung von Frauen, bei denen akute Erkrankungen häufig später erkannt werden und die in klinischen Studien nach wie vor unterrepräsentiert sind. Wie sich medizinische Erkenntnisse besser in die Versorgung aller Menschen übertragen lassen, diskutieren Expert*innen beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin.
„Es ist absurd, dass wir 2026 noch immer in einem Gesundheitssystem leben, in dem der männliche Körper als medizinischer Standard gilt“, sagt Joana Hauff, Chief Transformation Officer bei Thieme. „Geschlechtersensible Medizin bedeutet, die Bedürfnisse und Unterschiede aller Geschlechter in Forschung, Diagnostik und Therapie mitzudenken. Nur so kann Gesundheitsversorgung wirklich patientenzentriert, gut und gerecht werden.“ Dass hier noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, zeigt auch eine aktuelle Thieme Befragung unter Ärzt*innen und Medizinstudierenden: Mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) hat den Eindruck, dass Erkenntnisse der geschlechtersensiblen Medizin bislang nur unzureichend vermittelt und in der Versorgung umgesetzt werden.
Wie konkret die Folgen fehlender Geschlechtersensibilität sein können, zeigt ein aktuell publizierter Beitrag in der Fachzeitschrift "Notarzt" [1]. Die Autorinnen beschreiben, dass Frauen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen häufig später als besonders gefährdete Patientinnen erkannt werden. So werden Herzinfarkte bei Frauen trotz höherer Sterblichkeit seltener frühzeitig diagnostiziert, bei schwerer Sepsis erhalten sie später Antibiotika und selbst starke Schmerzen werden bei Frauen häufiger als weniger schwerwiegend eingestuft. Frauen bekommen dadurch seltener Schmerzmittel und warten länger auf eine Behandlung. Die Autorinnen führen diese Unterschiede nicht auf individuelles Fehlverhalten zurück, sondern auf strukturelle Defizite, Evidenzlücken und unbewusste Verzerrungen im Gesundheitssystem. „Gendersensible Notfallmedizin ist kein Zusatzwissen, sondern essenzieller Bestandteil präziser, sicherer und gerechter Notfall- und Akutversorgung“, schreiben sie.
Evidenzlücken mit Folgen für Patientinnen
Die Defizite beginnen bereits in der Forschung. Frauen nehmen noch immer seltener an klinischen Studien teil als Männer. Deshalb beruhen viele Erkenntnisse über die Wirkung und Dosierung von Medikamenten vor allem auf Daten männlicher Studienteilnehmer. Unterschiede bei Wirkung und Nebenwirkungen werden dadurch oft zu wenig berücksichtigt. [2]. Die Folge: Frauen leiden häufiger unter unerwünschten Nebenwirkungen und profitieren nicht immer gleichermaßen von bestehenden Therapie- und Dosierungsstandards. Auch in der Krebsmedizin spielt das Geschlecht eine größere Rolle als lange angenommen. Ein aktueller Beitrag in der Fachzeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde zeigt, dass biologische und psychosoziale Unterschiede beeinflussen können, ob Krebs entsteht, wie gut Behandlungen wirken, welche Nebenwirkungen auftreten und wie sich die Erkrankung entwickelt [3].
Die Studien machen deutlich: Geschlechtersensible Medizin ist Voraussetzung für eine präzise, sichere und gerechte Gesundheitsversorgung. Die aktuellen Veröffentlichungen sind Teil eines wachsenden Schwerpunkts von Thieme zur geschlechtersensiblen Medizin.
Terminhinweis: Wie geschlechtersensible Medizin stärker in Forschung, Lehre und Versorgung verankert werden kann, diskutieren Expertinnen und Experten am 24. Juni 2026 um16:00 Uhr beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit (HSK) in Berlin. Zu den Gästen auf dem roten Sofa am Thieme-Stand gehören Dr. med. Caroline Helena Gabrysch (DGGG), Simone Borchardt MdB sowie Brenya Adjei, Geschäftsführerin der gematik GmbH.
Quellen:
[1] Lorenz J., Möhlmann M. Gendersensible Notfallmedizin: Präzisionsmedizin unter Zeitdruck. Notarzt 2026; 42: 93–102.
[2] Wohlfart J., Theobald V, Fischer D. Physiologische und pharmakologische Besonderheiten von Frauen – Warum ist eine geschlechtsspezifische Medizin notwendig? Diabetes aktuell 2026; 24: 124–135.
[3] Heinrich K. Geschlechtersensible Krebsmedizin – Bedeutung biologischer und psychosozialer Unterschiede für Tumorentstehung, Therapie und Prognose. Geburtsh Frauenheilk 2026; 86: 247–251.
[4] Schigl B. Immer noch „das andere Geschlecht“? Psychotherapeutinnen und Gendersensibilität. PiD – Psychotherapie im Dialog 2025; 26: 17–22.