
Pflegefachassistenz und Pflegefachperson: das neue Dream-Team?
Stuttgart/Berlin, Oktober 2026 – Immer mehr hochbetagte, oft mehrfach erkrankte Menschen benötigen professionelle pflegerische Unterstützung. Gleichzeitig reicht die Zahl der aktuell tätigen Pflegekräfte vielerorts nicht aus, um den steigenden Versorgungsbedarf zu decken. Angesichts des Fachkräftemangels braucht die Pflege leistungsfähige Teams, in denen jede Berufsgruppe entsprechend ihrer Qualifikationen eingesetzt wird. Die neue, bundesweit einheitlich geregelte Pflegefachassistenz soll ab 2027 dazu beitragen, Pflegefachpersonen zu entlasten und ihnen mehr Raum für komplexe Pflegesituationen, Pflegeplanung und Evaluation zu geben. In der Praxis stellt sich die Frage: Welche Aufgaben übernehmen Assistenzkräfte und für welche tragen weiterhin Pflegefachpersonen die Verantwortung? Und wie gelingt es, in der Zusammenarbeit Versorgungssicherheit und -qualität gleichermaßen zu stärken?
Wie ein Pflegeteam zum Dream-Team wird, darüber diskutieren beim diesjährigen Thieme Symposium auf dem Deutschen Pflegetag 4 Expert*innen aus den Bereichen Pflegewissenschaft, Berufs- und Bildungspolitik sowie Versorgungspraxis.
„Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, bemessen die Qualität ihrer Versorgung nicht an Berufsbezeichnungen. Wichtig ist, dass beruflich Pflegende Aufgaben übernehmen, die ihren Kompetenzen entsprechen. Dann können sie eine verlässliche und gute Arbeit leisten. Wie das in der Praxis sichergestellt werden kann, steht im Mittelpunkt unserer Diskussion“, erklärt Thomas Moser, Executive Editor CNE bei Thieme, und Moderator des Symposiums.
Professionalisierung statt bloßer Aufgabenverschiebung
Die Pflegewissenschaftlerin Professorin Dr. habil. Martina Hasseler lehrt Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften. Für sie steht die Professionalisierung der Pflege im Mittelpunkt. Die Einführung der Pflegefachassistenz ist nur dann ein Gewinn für die Versorgung, wenn gleichzeitig die Kompetenzen der Pflegefachpersonen konsequent genutzt und weiterentwickelt werden. Wird die Reform einzig als Instrument zur Kompensation des Fachkräftemangels verstanden, droht insgesamt eine Deprofessionalisierung der Pflege, die mit Einbußen in der Versorgung einhergeht.
Professorin Dr. Ingrid Darmann-Finck lehrt im Studiengang Pflegewissenschaft an der Universität Bremen und leitet die Abteilung für Qualifikations- und Curriculumforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung. Als Vorsitzende der Fachkommission nach § 53 Pflegeberufegesetz war sie an der Entwicklung der Rahmenlehrpläne der Pflegefachassistenz beteiligt. Sie beleuchtet den Qualifikationsmix aus bildungswissenschaftlicher Perspektive und erläutert, wie Aufgaben sinnvoll verteilt werden können, ohne Professionalität einzubüßen. Dabei geht sie auch darauf ein, welche Verantwortlichkeiten bei der Delegation von Aufgaben bestehen und wie dabei seitens des Einrichtungsmanagements die Sicherheit erhöht werden kann.
Bildungswege und Versorgungspraxis im Fokus
Jana Luntz, Vorständin Pflege der Universitätsmedizin Greifswald, begrüßt die geplante Etablierung der Pflegefachassistenz als eigenständigen Ausbildungsberuf. Aus ihrer Sicht liegt darin nicht nur die Chance, eine wichtige und qualifizierte Unterstützung für die professionelle Pflege zu schaffen, sondern auch, die Bildungswege innerhalb der Pflege insgesamt klarer und durchlässiger zu gestalten. „Wir brauchen attraktive und aufeinander aufbauende Bildungswege, die Menschen unterschiedliche Zugänge zur Pflege ermöglichen und zugleich konkrete Entwicklungsperspektiven eröffnen“, betont Luntz.
Entscheidend sei dabei, die Ausbildung konsequent an den Anforderungen der Versorgungspraxis auszurichten. Pflegefachassistenzkräfte müssten über klar definierte Kompetenzen verfügen, die sie befähigen, pflegerische Aufgaben sicher und verantwortungsvoll zu übernehmen und Pflegefachpersonen gezielt zu unterstützen.
Aus Sicht der Versorgungspraxis bringt Christian Gharieb, CEO von Korian Deutschland, die Perspektive der Langzeitpflege ein. Einrichtungen müssen auf Personalmangel, steigende und komplexere Pflegebedarfe sowie demografische Veränderungen reagieren, ohne Abstriche bei der Qualität zu machen. Mit der bundeseinheitlichen Pflegefachassistenzausbildung wird ein eigenständiges Berufsbild mit klaren Kompetenzen und Entwicklungsperspektiven etabliert. Gleichzeitig kommt es zu einer höheren Durchlässigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Für stationäre Pflegeeinrichtungen wird es deshalb noch wichtiger werden, Assistenzpersonen gezielt einzubinden, ihnen Karrierewege anzubieten und den qualifikationsgerechten Personaleinsatz im Sinne von PeBeM umzusetzen.