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Was vermissen junge Pflegende im Berufsalltag?

Junge weibliche Pflegeperson mit Klemmbrett in der Hand auf einem Flur

Pflege begeistert den Nachwuchs – verliert unterwegs aber viele

Stuttgart, Juni 2026 – Pflegeberufe sind gefragt wie nie: Laut Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) haben 2025 rund 64.300 Personen eine Ausbildung zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum Pflegefachmann begonnen.1 Das sind etwa 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig beendet ein großer Teil der Auszubildenden die Ausbildung jedoch nicht. So hatten von den Auszubildenden, die 2020 begonnen haben, 3 Jahre später nur 4 von 10 einen Abschluss in der Tasche.2 Expert*innen sehen die Hauptursache für die hohe Abbrecherquote in der Diskrepanz zwischen der Erwartung vieler Auszubildender und der Berufsrealität. Eine bessere individuelle Begleitung, moderne Führung und flexible Arbeitszeiten gelten als wichtige Ansätze, um mehr Menschen dauerhaft für die Pflege zu gewinnen. Über Herausforderungen und Chancen für die Pflege der Zukunft diskutiert Thieme mit verschiedenen Expertinnen im Rahmen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit (HSK) in Berlin. 

Viele junge Menschen entscheiden sich bewusst für die Pflege, wie aktuelle Ausbildungszahlen zeigen. Die Gründe dafür sind vielfältig: „Sie möchten einen Beruf ausüben, der Sinn stiftet, Verantwortung ermöglicht und nah an den Menschen ist. Darüber hinaus ist die Pflege angesichts technologischer Entwicklungen wie KI ein Job mit einer langfristigen Perspektive, und er bietet eine attraktive Ausbildungsvergütung“, erklärt Lina Gürtler, Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK).

Dennoch brechen etliche die Ausbildung ab. Laut einer Handreichung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) von 2025 ist dafür eine Art „Praxisschock“ verantwortlich. Gemeint ist die Erfahrung, dass die Vorstellungen vom Pflegeberuf und die tatsächlichen Anforderungen des Arbeitsalltags weit auseinanderklaffen. Permanenter Zeitdruck, emotionale Belastungen und die Verantwortung für pflegebedürftige Menschen werden oftmals unterschätzt. Gleichzeitig fehlen mancherorts feste Ansprechpersonen und ausreichend Zeit für Praxisanleitung und damit auch Orientierung.3

Gute Ausbildung braucht gute Begleitung

Eine zuverlässige, empathische Begleitung kann maßgeblich dazu beitragen, Überforderung bei Berufseinsteiger*innen zu verhindern. Regelmäßige Feedbackgespräche, Mentoring-Programme und feste Ansprechpartner*innen können helfen, Unsicherheiten frühzeitig zu erkennen und Auszubildende gezielt zu unterstützen.

„Praxisanleitung ist dann erfolgreich, wenn Auszubildende Sicherheit gewinnen und gleichzeitig Verantwortung übernehmen dürfen. Dafür braucht es erfahrene Pflegefachpersonen mit methodischer und fachlicher Kompetenz, die Zeit für Begleitung und Feedback haben. Viele leisten das unter schwierigen Bedingungen. Umso wichtiger ist es, diese Aufgabe stärker wertzuschätzen und besser zu vergüten“, so Lina Gürtler.

Stellschrauben für die Bindung aller Pflegemitarbeitenden

Des Weiteren spielt die Führungskultur eine wichtige Rolle – und zwar über die Ausbildung hinaus. Klassische Hierarchien gerade im klinischen Bereich und starre Entscheidungswege sprechen viele junge aber auch erfahrene Beschäftigte nicht mehr an. Stattdessen gewinnen Mitbestimmung, Eigenverantwortung und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe an Bedeutung. Führung werde zunehmend daran gemessen, ob sie Menschen einbindet, fördert und Entwicklung ermöglicht, berichtet Judith Hantl-Merget, Pflegedirektorin an den RoMed-Kliniken Rosenheim, in der Thieme Fachzeitschrift CNE.fortbildung.4

Mehr Flexibilität für unterschiedliche Lebensphasen

Auch neue Arbeitszeitmodelle können dazu beitragen, den Pflegeberuf langfristig für alle attraktiver zu machen. Einrichtungen erproben derzeit unterschiedliche Konzepte – von flexiblen Springerpools mit selbstbestimmter Dienstplanung bis hin zur Vier-Tage-Woche oder einer reduzierten Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich.

Erste Erfahrungen zeigen, dass solche Modelle mehr Freiräume schaffen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessern können. Gleichzeitig wird deutlich, dass es keine Lösung gibt, die für alle Einrichtungen und Beschäftigten gleichermaßen geeignet ist. Entscheidend ist, Arbeitszeiten stärker an unterschiedliche Lebenssituationen anzupassen.5

Auch in einer aktuellen Thieme Umfrage bewerten die Befragten flexible Arbeitszeitmodelle, eine moderne Führungs- und Teamkultur sowie ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Mitgestaltung als wichtig bis sehr wichtig für die Attraktivität des Pflegeberufs.

Pflege zukunftsfähig gestalten

Die steigenden Ausbildungszahlen zeigen, dass die Pflege viele Menschen begeistert. „Um dem Fachkräftemangel wirksam zu begegnen, kommt es darauf an, Auszubildende erfolgreich zu begleiten. Und wir müssen stärker sichtbar machen, welche fachlichen Karrierewege die Pflege eröffnet – auch über ein Studium“, fasst Lina Gürtler zusammen. Das eröffne weitere Perspektiven und steigere die Attraktivität des Berufsbildes zusätzlich.

Quellen:
1 Neuer Höchststand bei den Ausbildungszahlen in der Pflege - BMBFSFJ (20.03.2026/letzter Aufruf 2.6.26)
2 ver.di-Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft: Vier von zehn kommen nicht an | ver.di, (11.11.24/letzter Aufruf 2.6.26)
3 Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB / Verstehen. Verändern. Verhindern. Ausbildungsabbrüchen in der Pflege wirksam begegnen. Empfehlungen und Erkenntnisse zur Qualitätssicherung in der Pflegeausbildung. Bonn 2025. 
Hantl-Merget, Judith: New Work: eine neue Führungskultur. CNE.fortbildung 2024; 17(03): 2–16; DOI: 10.1055/a-2272-6594
5 Heeser, Alexandra: Weniger arbeiten, mehr verdienen? CNE.magazin 2024; 01(02): 11–13; DOI: 10.1055/a-2239-2679

Treffen Sie Thieme auf dem HSK und diskutieren Sie mit!
Im Rahmen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit (HSK) diskutieren wir über Herausforderungen und Chancen für eine Pflege der Zukunft. Was brauchen Pflegende, um professionell und menschenzugewandt arbeiten zu können?