
Stuttgart/Berlin, November 2026 – Aktuelle Sparmaßnahmen und Finanzierungsdebatten erhöhen den Druck auf das Gesundheitswesen. Doch es geht nicht allein darum, wo weniger Geld ausgegeben werden kann: Wo gefährdet Sparen notwendige Versorgung? Und wo kann der Verzicht auf nicht hilfreiche Maßnahmen Patientinnen und Patienten sogar nützen? Diesen Spannungsbogen greift der Thieme Talk am Donnerstag, 5. November 2026 um 18:30 Uhr in Berlin auf. Expertinnen und Experten aus Medizin, Pflege, Politik, Krankenkassen, Verbraucherschutz und Medizinethik diskutieren, wie sich Qualität und Patientensicherheit trotz knapper Ressourcen sichern lassen. Ob Versorgung Patientinnen und Patienten wirklich nützt, entscheidet sich nicht nur am Budget. Eine Rolle spielen auch Kommunikation, geklärte Behandlungsziele und Abläufe im Versorgungsalltag, wie zwei aktuelle Beiträge in der "DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift" am Beispiel schwerer Lungenerkrankungen zeigen.
„Die Frage ist nicht allein, wo wir im Gesundheitswesen Geld einsparen können. Wir müssen uns vielmehr fragen, welche Versorgung den Menschen tatsächlich hilft“, sagt Joana Hauff, Geschäftsführerin der Thieme Gruppe. Ein Beispiel dafür ist die rechtzeitige Klärung von Therapiezielen und des Patientenwillen: Wenn nicht besprochen ist, welche Behandlung medizinisch sinnvoll ist und was Betroffene in einer Krisensituation wünschen, können Maßnahmen eingeleitet oder fortgeführt werden, die keinen gesicherten Nutzen mehr haben. Das belastet Patientinnen und Patienten, Angehörige und Behandlungsteams – und bindet Ressourcen, ohne die Versorgung zu verbessern. Wie sich solche Situationen vermeiden lassen, zeigen zwei aktuelle Beiträge in der "DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift" anhand schwerer Lungenerkrankungen.
Wenn fehlende Gespräche zu belastenden Behandlungen führen
Am Beispiel der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) und der idiopathischen Lungenfibrose beschreiben die Autoren Kommunikationsdefizite zwischen ambulanter, stationärer und nachstationärer Versorgung. Menschen mit fortgeschrittenen Erkrankungen wissen demnach häufig zu wenig über ihre Prognose, mögliche Krisensituationen und Behandlungsoptionen. So war etwa die Hälfte der COPD-Patientinnen und -Patienten trotz regelmäßiger pneumologischer Betreuung nicht darüber informiert, dass eine akute Verschlechterung eine Intensivbehandlung mit Beatmung und Luftröhrenschnitt erforderlich machen kann. (1)
Behandlungsziele frühzeitig klären
Die Autoren empfehlen deshalb unter anderem ein frühzeitiges sogenanntes Advance Care Planning: In wiederholten Gesprächen werden Prognose, mögliche Krankheitsverläufe, Behandlungsziele und der Wille der Betroffenen besprochen. Ergänzend kann eine frühzeitige palliativmedizinische Mitversorgung helfen, Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu erhalten. So lässt sich besser abstimmen, welche Krankenhausaufnahmen und intensivmedizinischen Maßnahmen medizinisch sinnvoll sind und den Wünschen der Betroffenen entsprechen.
Die im DMW-Beitrag zusammengefassten Ergebnisse weisen auf konkrete Effekte hin: Advance Care Planning im Rahmen palliativer oder ethischer Beratung war mit 37 Prozent weniger Intensivstationsaufnahmen und einer um 26 Prozent verkürzten Liegedauer verbunden. Frühzeitige Gespräche können damit dazu beitragen, belastende Behandlungen zu vermeiden, die medizinisch nicht angezeigt sind oder nicht dem Patientenwillen entsprechen. (2)
Wo Beschäftigte Ansatzpunkte für bessere Versorgung sehen
Das Thema spiegelt sich auch in den Ergebnissen einer Thieme Befragung (3) wider. In ihren Antworten zur Überversorgung weisen mehrere Befragte darauf hin, dass intensive Diagnostik, Operationen, Chemotherapie oder Intensivmedizin bei hochbetagten, multimorbiden oder palliativ versorgten Patientinnen und Patienten zur Belastung werden können – insbesondere dann, wenn Nutzen, Lebensqualität oder Wille der Betroffenen unklar sind.
Als wichtigste Hebel nennen die Befragten den Abbau von Bürokratie (55 Prozent), mehr Prävention beziehungsweise eine stärkere Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten (52 Prozent) sowie eine bessere Zusammenarbeit über Disziplinen, Fachbereiche und Sektorengrenzen hinweg (47 Prozent). Eine stärkere Ambulantisierung bewerten dagegen nur 14 Prozent als besonders wirkungsvollen Ansatz
Wie sich solche Ansätze in der Versorgung umsetzen und Qualität und Patientensicherheit auch bei knappen Ressourcen sichern lassen, diskutieren beim diesjährigen Thieme Talk unter anderem Professorin Dr. Alena Buyx, Medizinethikerin an der Technischen Universität München, Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Christiane Schenderlein MdB, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, und Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen.
„Bessere Medizin entsteht dort, wo Evidenz, Erfahrung und Patientenperspektive zusammenkommen“, sagt Joana Hauff. „Mit dem Thieme Talk wollen wir genau diesen Austausch fördern: über Fachgrenzen hinweg, nah an der Versorgung und mit dem Ziel, Medizin individueller, inklusiver, zugänglicher und wirksamer zu machen.“
Literatur:
(1) DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift: Schönhofer et al., Auswirkungen defizitärer Kommunikation bei chronisch progredienten Erkrankungen, DOI: 10.1055/a-2790-0411
(2) DMW – Deutsche Medizinische Wochenschrift: Schönhofer et al., Strategien zur Verbesserung der defizitären Kommunikation bei progredienten Erkrankungen, DOI: 10.1055/a-2790-0531
(3) Thieme Befragung unter 630 Ärztinnen und Ärzten, Medizinstudierenden sowie Pflegefachpersonen und Personen in Pflegeausbildung beziehungsweise Pflegestudium, Juni 2026.